LETZTE ÄNDERUNG am Dienstag 30. Juni 2026 14:28 durch Luise
„Ein Traum von Baum” ist verschwunden. Nein, dieser Baum war kein Protagonist in der gleichnamigen, wunderbaren arte-Doku-Serie, dieser Baum hat eine Ost-West-Geschichte in der Luisenstadt geschrieben. Nun ist er weg. Warum und wer den Baum gefällt hat, bisher unklar.
Wer am Bethaniendamm spaziert, stößt auf eines der faszinierendsten und zugleich skurrilsten Relikte der Berliner Teilungsgeschichte: das „Baumhaus an der Mauer“.
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Doch der geschichtsträchtige Ort, der eigentlich ein lebendiges Freilichtmuseum für die Absurdität der innerdeutschen Grenze sein könnte, sorgt aktuell für reichlich Gesprächsstoff und neuen Unmut in der Nachbarschaft.
43 Jahre nach seiner Entstehung wiederholt sich hier die Geschichte einer ungeklärten Zuständigkeit – mit weitreichenden Konsequenzen für das Stadtbild der Luisenstadt.
Die historische Absurdität: Ein Garten im Niemandsland
Die Geschichte des Hauses beginnt im Jahr 1983. Der türkische Gastarbeiter Osman Kalin entdeckte damals eine rund 350 Quadratmeter große Freifläche direkt am Bethaniendamm.
Das Besondere: Weil die Berliner Mauer an dieser Stelle eine Kurve machte und nicht exakt dem realen Grenzverlauf folgte, lag dieses Stück Land zwar westlich der Mauer, gehörte aber offiziell zum Territorium von Ost-Berlin.
Es war ein echtes Niemandsland. Da sich weder die Behörden im Westen noch die im Osten zuständig fühlten, begann Kalin kurzerhand, dort Zwiebeln anzubauen. Später errichtete er aus Sperrmüll eine Hütte um den einzigen dort stehenden Baum – das weltbekannte Provisorium war geboren und wurde von beiden Seiten argwöhnisch, aber tatenlos geduldet.
Die Gegenwart: Vom Baumhaus zur abgeriegelten Festung
Nach dem Tod von Osman Kalin im Jahr 2018 übernahm sein Sohn Mehmet das Erbe. Doch die einstige Offenheit und der anarchische Charme des Ortes drohen zunehmend zu schwinden. Seit Beginn des Jahres 2026 ist das Areal für die Öffentlichkeit und Touristen nicht mehr zugänglich.
Die aktuellen Entwicklungen vor Ort zeichnen einen neuen, abgeriegelten Ort:
- Der namensgebende Baum ist Geschichte: Der Baum, um den das Haus einst herumgebaut wurde, existiert nicht mehr. Auf dem Gelände erinnert nur noch ein abgesägter Baumstumpf an ihn.
- Bauliche Erweiterung und Verbarrikadierung: Mehmet Kalin hat die einstige Holzhütte über die Jahre zu einem zweistöckigen, rund 130 Quadratmeter großen Holzhaus mit Küche und Schlafplatz ausgebaut. Das Territorium wurde mit dichteren Zäunen blickdicht umzäunt, mit einer Videokamera ausgestattet und wird nun rigoros überwacht.
- Rückzug aus der Öffentlichkeit: Während Kalin vor zwei Jahren noch bereitwillig Besucher gegen ein kleines Entgelt durch die Räume führte und von Museumsplänen sprach, verweigert er heute jegliche Auskunft. Die Telefonnummer für Besichtigungen wurde geschwärzt.
- Gehwegsperrung durch illegale Baustelle: Direkt vor dem Haus blockiert mittlerweile eine Baustelle den Bürgersteig, sodass dieser von Passanten nicht mehr genutzt werden kann. Laut dem zuständigen Straßen- und Grünflächenamt liegt für diese Sondernutzung überhaupt keine Genehmigung vor.
Das ewige Bürokratie-Dilemma: Wer ist eigentlich zuständig?
Dass Mehmet Kalin auf dem Areal schalten und walten kann, liegt an einem altbekannten Berliner Phänomen: der bürokratischen Orientierungslosigkeit. Bis heute sind die Eigentumsverhältnisse an diesem Fleckchen Luisenstadt völlig ungeklärt.
Historiker finden keine offiziellen Dokumente, und Kalin kann eine von ihm behauptete Genehmigung aus DDR-Zeiten nicht vorlegen.
Besonders skurril ist das behördliche Kompetenzgerangel:
| Bezirk | Offizieller Status / Haltung |
| Mitte | Offiziell liegt das Areal auf dem Gebiet von Mitte. Der Bezirk verweist jedoch auf eine Verwaltungsvereinbarung aus dem Jahr 2006, nach der Friedrichshain-Kreuzberg als Straßenbaulastträger mit allen Rechten und Pflichten zuständig sei. |
| Friedrichshain-Kreuzberg | Das dortige, von den Grünen geführte Bezirksamts weigert sich seit Wochen, konkrete Fragen zur Zuständigkeit zu beantworten. Die Begründung der Fachbereiche: Da das Gebäude nicht offiziell erfasst sei, existiere keine Postanschrift – und ohne Adresse könne man die Zuständigkeit nicht klären. |
Einige Nachbar:innen beobachten die Entwicklung mit großem Argwohn und kritisieren, dass Kalin sich immer weiter verbarrikadiere und den öffentlichen Raum für sich beanspruche. „Aber ihn scheint niemand aufzuhalten, wie damals zur Zeit der DDR“, kommentiert ein Anwohner die Situation ironisch.
Politische Vorstöße: Rettung als Gedenkort?
In der Bezirkspolitik gibt es derweil Versuche, das historische Erbe zu sichern. Die SPD-Fraktion reichte kürzlich einen Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein, um die Bezirksgrenze offiziell zu begradigen, damit das Baumhaus rechtlich sauber zu Friedrichshain-Kreuzberg gehört.
Der SPD-Verordnete Ahmet Iyidirli betont die Bedeutung des Ortes:
„Das Baumhaus ist für viele Menschen ein Symbol für Kreuzberger Stadtgeschichte, Kreativität und bürgerschaftliches Engagement. Die Bezirksgrenze sollte die gelebte Realität und die Geschichte dieses besonderen Ortes widerspiegeln.“
Dass Friedrichshain-Kreuzberg durch die alte Vereinbarung von 2006 im Grunde ohnehin schon in der Pflicht stünde, war den Initiatoren des Antrags offenbar nicht bewusst. Der Vorstoß wurde jedenfalls vorerst wieder von der Tagesordnung der BVV gestrichen.
Fazit: Ein Gedenkort schließt seine Pforten
Das „Baumhaus an der Mauer“ zeigt auf faszinierende Weise, wie stadtpolitische Vakuen der Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirken. Doch während die Luisenstadt an vielen Stellen sorgsam erneuert und historisch aufgearbeitet wird, droht dieses einzigartige Denkmal der Berliner Anarchie hinter dichten Zäunen und Überwachungskameras dauerhaft zu verschwinden.
Es bleibt zu hoffen, dass die Bezirke ihre Zuständigkeiten klären, bevor dieses lebendige Stück Berliner Mauergeschichte vollends zur privaten Festung wird.
Siehe auch hier im Blog: „Das Baumhaus an der Mauer – ein Gecekondu in der Luisenstadt“
und das „Baumhaus“ als Suchbegriff hier im Blog
Bild oben: Das Baumhaus an der Mauer im Jahr 2016 – (Foto: Archiv BV)
Quellen: Internet, Archiv BV, aktueller Newsletter und ein Artikel des TAGESSPIEGEL von Robert Klages (Plus-Text hinter Bezahlschranke, aber auch mit schönen Fotos).
Was denken Sie? Sollte das Bezirksamt hier eingreifen und das Baumhaus als öffentlichen Gedenkort sichern, oder gehört diese Form der Aneignung einfach zur ungezähmten Geschichte Berlins? Schreiben Sie es uns in die Kommentare!
Diese Hütte im Großformat ist eine ziemliche Zumutung für das Auge geworden, wahrscheinlich auch nicht ungefährlich für die Nachbarschaft.
Um der kuriosen Geschichte Rechnung zu tragen, könnte der Bezirk dort einen Gemüsegarten ohne jegliche Bebauung zulassen und dafür in offener Ausschreibung einen guten Pächter suchen. Dazu noch eine Infotafel. Zurück zu den Anfängen!