LETZTE ÄNDERUNG am Mittwoch 10. Juni 2026 21:34 durch Luise
Wer die Entwicklung der Luisenstadt nach dem Mauerfall aufmerksam verfolgt hat, kam an ihr kaum vorbei: Dr. Dorothea Krause (1935–2024).
Als langjährige Leiterin der Arbeitsgruppe Stadtentwicklung im Bürgerverein Luisenstadt prägte sie den Kiez mit enormem Fachwissen, Leidenschaft und einem unbestechlichen Sinn für Pragmatismus.
Bis ins Jahr 2022 lenkte sie die Geschicke der Gruppe und galt bei ihren Mitstreitern als die absolute „Seele dieses Gremiums“ und als treibende Kraft hinter den Ideen von Dr. Dorothea Krause.
Dr. Dorothea Krause hinterließ ein bemerkenswertes Erbe in der Stadtentwicklung.
Hochrangige Karriere und architektonisches Erbe Dorothea Krause war nicht nur eine engagierte Anwohnerin, sondern eine ausgewiesene Fachfrau mit einer beeindruckenden Biografie. In der DDR bekleidete sie die bedeutende Position der Stellvertreterin des Chefarchitekten der Hauptstadt.
In dieser Funktion führte sie beispielsweise 1978 bei offiziellen Staatsbesuchen hochrangige Gäste durch Ost-Berlin und erläuterte die Gestaltung des Stadtzentrums und die Rekonstruktion von Altbaugebieten.
Dass ihr berufliches Wirken auch heute noch kunsthistorisch hohe Anerkennung findet, zeigte sich unter anderem 2021 in einer Ausstellung der Berlinischen Galerie. Dort wurde sie als eine der prägenden Architektinnen gewürdigt, deren Bauten die postmoderne Architektur Berlins im letzten Jahrzehnt vor dem Mauerfall maßgeblich mitbestimmten.
Brücken bauen in der zerschnittenen Stadt
Als Dorothea Krause in den 1990er Jahren gemeinsam mit ihrem Mann, Prof. Hans Krause, an den Heinrich-Heine-Platz zog, trug die Luisenstadt noch deutlich sichtbar die Narben der jahrzehntelangen Teilung. Für das Ehepaar wurde es zu einem tiefen Anliegen, diese Trennung auch im Alltag der Menschen zu überwinden.
Ihre erste Anlaufstelle wurde der Bürgerverein Luisenstadt. Dort nutzte Krause das gemeinsame historische Erbe als Werkzeug zur Wiedervereinigung: Sie organisierte historische Vorträge in den Nebengebäuden der ehemaligen Exerzierhalle, um durch den Rückblick auf die gemeinsame Geschichte der Luisenstadt neue nachbarschaftliche Kontakte über die ehemalige Grenzlinie hinweg zu knüpfen. Zudem nahm sie äußerst lebhaft an den Ausgrabungen am benachbarten Engelbecken teil.
Pragmatismus statt stadtplanerischer Dogmen
In stadtpolitischen Diskussionen zeichnete sich Dr. Krause besonders durch ihren klaren, undogmatischen Blick aus. In einem prägnanten Thesenpapier für den Bürgerverein rechnete sie deutlich mit den Fehlern der Vergangenheit ab – allen voran mit dem verheerenden Leitbild der „Autogerechten Stadt“, das viele historische Zentren in Deutschland überbaut und unkenntlich gemacht hatte.
Gleichzeitig warnte sie jedoch eindringlich davor, aus der Geschichte die falschen Schlüsse zu ziehen und neue, absolute Dogmen zu errichten. Ihr Credo lautete: „Man kann eine Stadt nicht nach vorgefassten Losungen entwickeln!“
Deshalb hielt sie radikale Forderungen wie ein komplett „Autofreies Stadtzentrum“ oder die einseitig „Fahrradgerechte Stadt“ für ebenso falsch. Eine lebendige Stadt, so Krause, brauche stets vielfältige Kompromisse anstelle neuer Extreme.
Am 11. Februar 2024 verstarb Dr. Dorothea Krause im Alter von 89 Jahren. Sie hinterlässt in der Luisenstadt das Vermächtnis einer weitsichtigen Gestalterin, die ihr profundes Fachwissen stets dafür einsetzte, die Wunden der Teilung zu heilen und unseren Kiez mit Augenmaß und Sachverstand für die Zukunft zu wappnen.