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Wenn wir auf die Pioniere blicken, die die Luisenstadt nach dem Fall der Mauer wieder zu einem gemeinsamen Kiez geformt haben, dürfen wir eine Frau nicht vergessen:
Frauke Mahrt-Thomsen. Neben dem „Geschichtsdetektiv“ Frank Eberhardt und dem „Architekten des Miteinanders“ Klaus Duntze war sie die Dritte im Bunde, als am 6. März 1991 der Bürgerverein Luisenstadt e.V. gegründet wurde.
Die Diplom-Bibliothekarin prägte den Kiez jedoch auf ihre ganz eigene Weise: durch die Kraft der Bildung, soziale Netzwerke und einen scharfen, kritischen Verstand.
Die Bibliothek als sozialer Ankerpunkt
Die 1943 im schleswig-holsteinischen Damendorf geborene Frauke Mahrt-Thomsen leitete von 1975 bis 2002 die Stadtteilbibliothek in der Kreuzberger Oranienstraße.
Für sie war eine öffentliche Bücherei nie nur eine reine Buchausleihe, sondern stets eine „Angelegenheit des ganzen Volkes“, die das Bildungs- und Unterhaltungsbedürfnis aller Volksschichten befriedigen muss.
In den turbulenten Monaten nach der Maueröffnung 1989 nutzte sie genau diesen Raum, um Brücken zu bauen. Über Diskussionsveranstaltungen in ihrer Bücherei trug sie maßgeblich dazu bei, erste Kontakte zwischen den Anwohnern diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze herzustellen.
Bei der Gründung des Bürgervereins war es ihr ein zentrales Anliegen, nicht nur über Stadtplanung zu reden, sondern konkrete soziale Räume zu schaffen – etwa Treffpunkte, an denen sich Arbeitslose aus Ost und West austauschen konnten, abseits der großen Metropolenplanungen des Senats.
Die Entdeckerin von Deutschlands erster Bibliothekarin
Weit über die Grenzen der Luisenstadt hinaus machte sich Frauke Mahrt-Thomsen als unermüdliche Forscherin der Bibliotheksgeschichte einen Namen. In akribischer Sisyphusarbeit erforschte sie das fast vergessene Leben von Bona Peiser, der ersten Frau, die in Deutschland hauptberuflich als Bibliothekarin arbeitete und ab 1895 in Berlin wirkte.
Mit ihrer 2013 veröffentlichten Biografie über Bona Peiser verhalf Mahrt-Thomsen der weiblichen Bibliotheksgeschichte zu einem späten Durchbruch. Sie holte das Engagement dieser Pionierin für bessere Arbeitsbedingungen und Frauenrechte aus dem Schatten der von Männern dominierten Geschichtsschreibung.
Nicht zuletzt ist es Mahrt-Thomsens jahrzehntelangem Einsatz zu verdanken, dass ihre eigene ehemalige Wirkungsstätte in Kreuzberg heute den Namen Bona-Peiser-Bibliothek trägt.
Kämpferin für Berufsethik
Wer Kiezgeschichte gestalten will, darf Konflikte nicht scheuen. Frauke Mahrt-Thomsen hat sich nie davor gedrückt, unbequeme Fragen zu stellen. Seit 1988 engagiert sie sich im „Arbeitskreis Kritischer BibliothekarInnen“ (Akribie) und setzt sich bundesweit für Ethik im Bibliotheksalltag ein.
Sie warnt vor reiner Kommerzialisierung, kämpft gegen Zensur und tritt dafür ein, dass Bibliotheken nicht nur Konsumorte, sondern Orte der emanzipatorischen Bildung bleiben.
Frauke Mahrt-Thomsen vereinte lokales Herzblut mit weitsichtigem, kritischem Engagement. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz für das Zusammenwachsen von Ost und West, für Frauenrechte und für freie Bildung hat sie bewiesen, dass die Seele der Luisenstadt nicht nur auf ihren Straßen, sondern auch zwischen ihren Bücherregalen wohnt.