LETZTE ÄNDERUNG am Freitag 19. Juni 2026 13:45 durch Luise
Wer heute durch die Luisenstadt spaziert, sieht ein lebendiges Viertel im Wandel – doch die Erforschung seiner Wurzeln verdanken wir den Pionieren der Nachwendezeit.
Ein berührendes Porträt aus dem Tagesspiegel von 2001, betitelt „Frank Eberhardt, geb. 1931“, erinnert an einen unermüdlichen Anwohner der Köpenicker Straße. Mit bunten Karteikarten bewaffnet wurde er zum „Geschichtsdetektiv“ und Mitbegründer des Bürgervereins Luisenstadt, um dem geteilten und vergessenen Kiez sein Gedächtnis zurückzugeben.
Wenn die Luisenstadt nach dem Mauerfall ein Gesicht bekommen hat, dann das von Frank Eberhardt (geboren 1931). Wohnhaft in der Mitte-Seite der Köpenicker Straße, erlebte er 1990 einen magischen Moment: Zum ersten Mal konnte er die Straße komplett entlanggehen.
Bis dahin endete sie nur drei Ecken von seinem Haus entfernt an einer weiß getünchten Mauer im Nichts – um zwei Kilometer weiter in Treptow als Puschkinallee wieder aufzutauchen. Diese faszinierende, ehemals geteilte Lebensader weckte in ihm den Forscherdrang.

Der erste Vorstand des Bürgervereins Luisenstadt, 1991.
Von links: Klaus Duntze, Frauke Mahrt-Thomsen, Frank Eberhardt
Zusammen mit Gleichgesinnten gründete er 1990 den „Bürgerverein Luisenstadt“, um das historische Bewusstsein für das Viertel wiederzubeleben, dessen Name in der Nachkriegszeit zwischen Kreuzberg und Mitte fast in Vergessenheit geraten war.
Das Besondere am Verein: Hier wuchsen Ost- und West-Berliner, DDR-Kommunisten, Bürgerrechtler und ein West-Pfarrer historisch zusammen.
Die Methode: Spurensuche im Archiv
Eberhardt wurde zu einem wahren Geschichts-Detektiv. Er durchforstete die Staatsbibliothek, das Stadtarchiv Mitte, das Berliner Bildarchiv und das Landesarchiv.
Seine Funde – von alten Adressbüchern bis zu verstaubten Magistratsbeschlüssen – notierte er akribisch in kleiner Kugelschreiberschrift auf farbigen A5-Karteikarten.
Lokale Zeitreisen: Das Beispiel Victoriahof
Wie lebendig diese Recherche war, zeigt sein Blick auf den Victoriahof in der Köpenicker Straße:
- Um 1900: Ein Mikrokosmos aus einer Hutfabrik, einer Musikboxen-Herstellung, einer Röhrenhandlung, einer Waffenfabrik und dem Fotografen C. Marisal.
- Ab 1910: Einzug einer Selterswasser-Fabrik (deren klirrende Kisten im Sommer den Hof verließen) und einer „Zitronenverwertung“.
- Die 1920er: Konfitüren-Macher, Billardtisch-Zimmerer und die Straußenfedern-Fabrik Königsberger.
- 1938/39: Die jüdisch geprägte (?) Kunst-Straußenfedern-Werkstatt verschwindet; eine Uniformschneiderei zieht ein – die dunklen Vorboten des Krieges.
Sogar die weiß glasierten Steine im Hinterhof erzählten ihm Geschichten : Sie wurden verbaut, um Licht in den engen Hofschacht zu bringen. Weil die Steine im Erdgeschoss vergilbt, weiter oben aber brandneu waren, machte Eberhardt die Zerstörung sichtbar: Die Hälfte des Hauses war im Krieg weggebombt und in den 50ern wieder aufgebaut worden.
Geschichte erfassbar machen: Die Stadtführungen
Mit seinen Klarsichthüllen voller bunter Karteikarten verließ Frank Eberhardt regelmäßig sein Arbeitszimmer, um die Menschen auf öffentliche Fußwanderungen mitzunehmen.
Seine Routen führten „Von Kirche zu Kirche“ (über die Religionen im Viertel), „Links und rechts des Landwehrkanals“, „Rund um den Mariannenplatz“ und natürlich quer durch die Köpenicker Straße.
Stationen seiner legendären Köpenicker-Tour:
- Das ehemalige Heeres-Proviant-Amt: Ein Backsteinbau, in dem im Ersten Weltkrieg das Brot für die Soldaten gebunkert wurde.
- Die „Kleine Berliner Kochstube“: Ein Imbiss mit Zille-Bildern, der damals noch die „Dampfwurst“ oder den „Schusterjungen“ für zwei Mark anbot.
- Die Speicher am Spreehafen: Hier lagerten die Nationalsozialisten „entartete Kunst“ ein, die sie 1939 verbrannten.
- Köpenicker Straße 40: Das Grundstück der Norddeutschen Eiswerke, wo 1896 weltweit zum ersten Mal Lebensmittel durch Kälte konserviert wurden.
- Der Engeldamm: Wo asphaltierte Löcher im Pflaster die ehemaligen Verankerungen der Beton-Mauersegmente zeigten.

Mehr von und mit Frank Eberhardt in diesem „Reprint Luisenstadt – Leseprobe Fußtour No 6 – Seiten 256-261“
Dieser Rückblick zeigt perfekt, auf wessen Schultern die heutige Geschichtsarbeit in der Luisenstadt ruht. Frank Eberhardt hat mit der Lupe das freigelegt, was wir heute beschützen und sanieren.

Siehe auch: „Mit Frank Eberhardt eine historische Stadtführung durch die „Cöpenicksche“
Eberhardt und der Bürgerverein
Der einfühlsame Zeitungsartikel ist ein wunderbarer, atmosphärischer Fund im Tagesspiegel (veröffentlicht im August 2001) für unseren Blog auf Luise-Nord.de.
Christian Domnitz fängt genau die Aufbruchsstimmung und die mühsame Spurensuche der Nachwendezeit in der Luisenstadt ein. Frank Eberhardt gibt dem historischen Rückblick des Viertels ein nahbares, leidenschaftliches Gesicht. Er lenkt den Fokus auf die urbane Erneuerung und Geschichte der Luisenstadt.
Am 6.3.1991 wurde in der damaligen Heinrich-Heine-Bibliothek, Köpenicker Straße 101, von ca. 60 Anwesenden aus Mitte und Kreuzberg der Bürgerverein Luisenstadt gegründet.
Ziel des Vereins war und ist das Zusammenwachsen der über einen langen Zeitraum politisch und räumlich getrennten Teile der historisch gewachsenen Luisenstadt und die Mitwirkung aller Bürger und Bürgerinnen an der Gestaltung und Entwicklung des Stadtteils.
In den Leitsätzen des Vereins, die 1991 verabschiedet wurden, steht:
„Alle Erneuerung und Entwicklung im sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Bereich geht von den Bürgern der Luisenstadt aus; ihr Wohnrecht und ihr Recht auf Arbeit sind die Grundlagen aller Planungen und Projekte.“
Neue Rubrik im Blog: Köpfe der Luisenstadt
Über Klaus Duntze, Frauke Mahrt-Thomsen, Volker Hobrack und auch Dorothea Krause wird hier noch (mehr) zu berichten sein.