LETZTE ÄNDERUNG am Sonntag 1. Februar 2026 16:08 durch BV LuiseNord
Redakteurin Ulrike Steglich ist die „Eckensteherin“ in der ecke No. 6 2025/2026. Auf der letzten Seite, der Rückseite, beklagt Ulrike in der gleichnamigen Meinungskolumne der Zeitung die
„Die Verwaltung der Kunst“
Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es im neuen Bezirk Mitte (zu dem die drei Altbezirke Mitte, Tiergarten und Wedding im Jahr 2001 fusioniert waren) mehrere kommunale Kultureinrichtungen, die geprägt waren durch ihren Ort und umgekehrt: sie strahlten in diese Orte zurück.
Im Altbezirk Mitte gab es beispielsweise die Galerie Weißer Elefant (übrigens mit einer hochspannenden Vorwendegeschichte), die Galerie Am Scheunenviertel oder auch die »Klosterruine«, in der seit 1982 Ostberliner Bildhauer/innen eigenmächtig Skulpturenausstellungen organisierten, die ab 1992 durch den von ihnen gegründeten Förderverein Klosterruine e.V. fortgeführt wurden.

Zudem gab es eine überaus vitale freie Kulturszene, über deren unterstützende Projektförderung ein bald nach der Wende gegründeter, unabhängiger »Beirat für dezentrale Kulturarbeit« entschied.
Historisch bedingt war die kommunale Kulturlandschaft im Westteil des neuen Bezirks dagegen weniger ausgeprägt, aber es gab sie.
All diese Einrichtungen waren völlig unterschiedlich, hatten aber eines gemeinsam: In ihnen waren Menschen zugange, die für die Vielfalt der Kunst brannten und die ihren Orten verbunden waren; die natürlich ihre Ecken und Kanten hatten, aber mit ihren Persönlichkeiten in einen Austausch mit ihrer Umgebung traten und dieser Umgebung wiederum Räume eröffneten.
Kunst und Kultur weggekürzt
Die Veränderung kam schleichend, aber sie kam, unter dem Deckmantel zunehmender Kürzungen in den Bezirkshaushalten.
Schaut man sich heute in der kommunalen Kunstlandschaft des Bezirks Mitte um, erlebt man eine merkwürdige – nun ja:
Uniformierung. Übriggeblieben sind ganze fünf Einrichtungen: der »Kunst.Raum. Mitte«, außerdem eine »Galerie Wedding«, der (neu hinzugekommene) Kunstort »Bärenzwinger«, die »Klosterruine« und die per Ausschreibung neu vergebenen Räume der ehemaligen Galerie Nord, die bislang vom engagierten Kunstverein Tiergarten betrieben wurde.
Offenbar hat die Kunst und Kulturverwaltung des Bezirksamts Mitte eigene unausgelebte Kunst- und Kuratorenphantasien, denn in all diesen Einrichtungen regiert inzwischen immer mehr der »FB Kunst, Kultur und Geschichte«, mit anderen Worten: die Kulturverwaltung des Bezirksamts Mitte, und zwar von vorn bis hinten. (Die Galerie Nord wurde nun zwar per Verwaltungsakt erstmal dem Verein »parallelgesellschaft e.V.« anvertraut, aber wer weiß, wann auch dort endgültig die Verwaltung die Kunst übernimmt.)
Das Kunstvokabular der Verwaltung
Wie solche Verwaltungskultur dann aussieht, kann man auch beobachten:
Profile werden ersetzt durch Beschreibungsgirlanden, in denen beflissene Vokabeln wie postkolonialistisch / postmigrantisch / queer / feministisch / immersiv / diskursiv/ performativ / interdisziplinär / transformatorisch / sozialräumlich / intersektional / urbanistisch / stadtsoziologisch / stadträumlich / ambivalent / verorten / positionieren / kuratieren zu einem banalglitschigem Matsch verschwimmen.
Diese Verschlammung und Verschlagwortung macht krank.
Und sie wird weder der vielgesichtigen Gesellschaft noch ebensolcher Kunst und schon gar nicht der Spezifik der Orte gerecht.
Folgerichtig verirren sich in solche hochakademisch-theoretisch geprägte, vom Verwaltungsgeist durchwehten Wunschkunstorte eher selten echte Menschen. Wozu auch, belehrende Verwaltung hat man eh schon genug.
Noch kränker macht allerdings die Vorstellung, wie viele einzigartige Menschen, die für ihre Orte und Kunst brannten, von der Verwaltung einfach weggebissen wurden. Verwaltung, wenn sie wirklich gut ist, ist schon Kultur und Kunst an sich. Ansonsten sollten Verwaltungen von Kunst doch bitteschön die Finger lassen.
Quelle: us in der ecke köpenicker 6 Dezember 2025 Januar 2026
Symbolbild oben – Im Bärenzwinger gibt es seit vielen Jahren Kunst im Kiez (Foto: Archiv BV)
