Symbol-Stadtbild Humboldtforum - Foto: Ch. Eckelt

Kommentar: Reden über das Stadtbild

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Ein Kommentar von Ulrike Steglich in der ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025 zur Stadtbild-Äußerung vom Kanzler Merz.


Das muss man auch erstmal hinkriegen: eine Aussage in drei Akten (davon zwei, die allein dazu da sind, den ersten Akt irgendwie zu erklären), die eine wochenlange Debatte auslöst.

Erster Akt: Wortlaut Friedrich Merz, am 14. Oktober auf einer Pressekonferenz: »Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24, August 25 im Vergleich um 60 % nach unten gebracht, aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.«

Das ist semantisch eigentlich eine unmissverständliche Kopplung der Begriffe »Migration« und »Problem im Stadtbild«. Da aber meist nur ab dem Wort »Stadtbild« zitiert wurde, war die Irritation groß.

Denn natürlich fällt zum Thema »Probleme im Stadtbild« jedem und jeder etwas ein. Viele würden ja »Stadtbild« eher mit Hardware, also immobilen bzw. unlebendigen Bestandteilen assoziieren:

Dieser Beitrag erschien als Artikel in der aktuellen Ausgabe der Stadtteilzeitung
Dieser Beitrag erschien als Artikel in der aktuellen Ausgabe der Stadtteilzeitung „ecke köpenicker“ Siehe Download-Link unten

Manche denken an Graffiti an Hauswänden, andere eher an Dauerbaustellen oder Haltestellendisplays, die unverdrossen Verständnis für Verspätungen und Bahnausfälle fordern; wieder andere an Bauwerke wie den Stadtschlossnachbau, über dessen banale Ostfassade der Architekturkritiker Wolfgang Kil mal schrieb:

»Wer sich nun aber vonseiten der Oststadt nähert und (…) vom Schloss­-Gespenst nur den nackten Arsch gezeigt bekommt, dem hilft am Ende auch kein Einheitsdenkmal.«

Das alles kann man als Problem im Stadtbild sehen. Allerdings, um auf Friedrich Merz zurückzukommen, wird der Innenminister wohl kaum die Rückführung von Schlössern oder Dauerbaustellen erwägen – wohin auch?

Was genau der Bundeskanzler nun gemeint habe, wollte ein Journalist ein paar Tage später wissen.

Zweiter Akt, wörtliche Antwort von Friedrich Merz: »Ich weiß nicht, ob Sie Kinder haben. Und wenn unter diesen Kindern Töchter sind, dann fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte. Ich vermute, Sie kriegen eine ziemlich klare und deutliche Antwort. Ich habe gar nichts zurückzunehmen.«

Nun hat nicht jeder Mensch Töchter, aber die Hälfte der Bevölkerung ist selbst eine – und viele von denen meldeten sich nun zu Wort, teilweise auch mit spontanen Demonstrationen, und sagten ziemlich klar und deutlich, was sie so als Problem sehen.

Dazu gehören u.a. auch übergriffige deutsche Männer, insbesondere im besoffenen Zustand (Stichwort Oktoberfest), die unter Röcke fotografieren, grapschen oder sexistische Bemerkungen und Zoten absondern.

Übrigens finden es viele Frauen auch problematisch, wenn ihnen von Männern erklärt wird, was sie als Frauen problematisch finden sollen.

Die Debatte nahm also gerade eine neue Wendung, als der dritte Akt folgte, wieder ein paar Tage später: Friedrich Merz konkretisierte, es gehe ihm um »Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht und Arbeit, die sich nicht an die in Deutschland geltenden Regeln halten« würden. »Das bestimmt ganze Stadtteile, die auch unserer Polizei große Probleme machen.«

Ganze Stadtteile voller Einwanderer ohne Aufenthaltsrecht – das ist allerdings eine gewagte These, zumal Staatsbürgerschaft und Aufenthaltsstatus ja niemandem auf die Stirn gemeißelt sind.

Im Übrigen werden Illegale eher tunlichst vermeiden, sich irgendwo auffällig zu benehmen – das ist quasi der Kern von Illegalität. Und viele von denen, die »sich nicht an Regeln halten«, haben die deutsche Staatsbürgerschaft oder sind EU­-Bürger.

Was auch immer Merz eigentlich sagen wollte: »Stadtbild« meint nun mal etwas, was visuell sichtbar ist.

Und deshalb fühlten sich ziemlich viele Menschen vor den Kopf gestoßen, auf die die Bundesrepublik eigentlich dringend angewiesen ist:

Menschen mit migrantischen Wurzeln, die in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen arbeiten oder in der IT-­Branche, die Busse fahren, auf Baustellen oder in Küchen schuften, die Lebensmittelgeschäfte aufbauen oder ganze Unternehmen wie Biontech.

Immerhin birgt die Stadtbild-­Debatte auch eine Chance: nämlich die, tatsächlich über den Zustand von Städten und Kommunen zu reden.

Über marode Schulen und Spekulationsbrachen, über Grünflächen und Parks, für deren Pflege zu wenig Geld und Personal zur Verfügung steht, über geschlossene Schwimmbäder und Kulturstätten, über explodierende Mieten, die die Busfahrerinnen, Krankenpfleger oder Verkäuferinnen aus der Stadt treiben usf.

Und hin und wieder sollte man sich mal umdrehen und schauen, wer da bei der Wortkombination »Migration + Problem« ganz laut Beifall klatscht.


Quelle: us in der ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025

Bild oben: Berliner Symbol-Stadtbild – erkennen Sie das Bildmotiv? – Foto: Ch. Eckelt


ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025 - hier lesen/herunterladen
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