Symbolbild Schilderdschungel (Foto: Ch. Eckelt)

Lost im Formular-­Dschungel – Digitalisierung obskur

LETZTE ÄNDERUNG am Dienstag 24. Februar 2026 23:20 durch BV LuiseNord


Digitalisierung ist eine feine Sache. Früher ging viel Papier drauf, beispielsweise für die zahlreichen Formulare zahlreicher öffentlicher Ausschreibungen.


Ulrike Steglich ist der „Eckensteher“ in der ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025 und verfasste diese beeindruckende, eher bedauernswerte Glosse.


Ungezählte namenlose Bäume mussten allein für Ausschreibungsformulare sterben. Inzwischen gibt es eine elektronische Vergabeplattform.

Man sollte meinen, die Sache sei damit nicht nur papiersparender, sondern auch einfacher geworden.

Spoiler: Nein.

Immerhin: Man hat es tatsächlich geschafft, sich bei der E-Vergabeplattform für eine einheitliche Software zu entscheiden, egal, ob Sie sich auf eine Ausschreibung in Pankow, Neukölln oder Böblingen bewerben.

Natürlich kostet die Softwarenutzung was, Sie müssen sie bezahlen, jedes Jahr, aber ohne Software keine Bewerbung. Auf der Vergabeplattform steht alles, was von der öffentlichen Hand ausgeschrieben wird.

Laut EU-­Regeln müssen öffentliche Aufträge ab einem bestimmten Volumen EU­-weit ausgeschrieben werden – auch wenn es eher unwahrscheinlich ist, dass sich, sagen wir, ein portugiesischer Stadtplaner für das Fördergebiet Haselhorst interessiert.

Wenn Sie sich manchmal fragen, warum sich Bauvorhaben so lange hinziehen: Es liegt auch am Ausschreibungswesen.

Dieser Beitrag erschien als Artikel in der aktuellen Ausgabe der Stadtteilzeitung
Dieser Beitrag erschien als Artikel in der aktuellen Ausgabe der Stadtteilzeitung „ecke köpenicker“ Siehe Download-Link unten

Denn bis so eine Ausschreibung erstmal erarbeitet ist, bis die Zentrale Vergabestelle des jeweiligen Bezirks (ja, jeder Bezirk hat eine eigene »Zentrale Vergabestelle«) das Werk auf der Zentralen Vergabeplattform eingestellt hat, bis die Bewerbungsfrist abgelaufen ist, die Angebote gesichtet und die Zuschläge erteilt sind, vergeht sehr viel Zeit.

Und manchmal passiert dann immer noch nix. Weil manchmal gar kein Angebot eingeht. Es könnte an den Formularen liegen. Denn man muss dafür neben ausreichend Zeit sehr starke Nerven haben und letztere auch während der Online­-Bewerbung bei sich behalten.

Sie müssen sich durch einen E­-Formular­-Dschungel (EEE, Uv-GO, FFV, Datenschutz, Mindestlohn, Sanktionsgebote, ILO­-Kernarbeitsnormen usf.) schlagen – das aber sehr aufmerksam:

Wenn Sie irgendwo ein Kreuzchen an einer unscheinbaren, aber sehr wichtigen Stelle oder eine elektronische Unterschrift vergessen, sind Sie schon raus.

Sie sollten auch wissen, was diese BHV ist, die – versteckt auf einem der vielen Formulare – von Ihnen gefordert wird (Berufshaftpflichtversicherung mit astronomischen Deckungssummen, deren Beiträge Sie natürlich auch jährlich zahlen müssen).

Ferner brauchen Sie eine Bestätigung des Finanzamts, dass Sie pünktlich Ihre Steuern zahlen, müssen die Umsätze der letzten Jahre offenbaren sowie die passende Erfahrung und Befähigung nachweisen (wie machen das Berufseinsteiger?).

Zum Schluss dürfen Sie dann endlich Ihr Preisangebot abgeben: bitte in Stück­ oder Stundenpreisen oder beidem, jeweils netto und brutto, nach Kostenarten aufgeschlüsselt, pro Jahr und dann bitte nochmal insgesamt, in mehreren Varianten auf unterschiedlichen Formblättern.

Holen Sie sich einen Excel­-Experten dazu. Und glauben Sie bitte nicht, nur weil Sie das geschafft haben, Sie wüssten nun, wie der Hase läuft:

Denn jeder einzelne Fachbereich jedes Bezirks bastelt seine Ausschreibungen selbst, und deshalb sieht jede Ausschreibung garantiert anders aus – auch bei fast identischen Leistungen.

Das Verfahren hat also einen erfrischend hohen Überraschungsscore, ist aber auch so zeitraubend, dass manche Firmen angesichts dieses Wahnsinns eher abwinken: weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum potenziellen Ertrag steht.

Natürlich können Sie sich den ganzen Stress auch schenken. Vorausgesetzt, Sie kennen zufällig jemanden wie Jens Spahn.


Quelle: us in der ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025

Bild oben: Eckensteher Symbolbild Schilderdschungel (Foto: Ch. Eckelt)


ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025 - hier lesen/herunterladen
ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025 – hier lesen/herunterladen

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ecken turm und mueller 5/2025
Andere ecken 5 2025: turm- und muellerstraße

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