LETZTE ÄNDERUNG am Dienstag 10. Februar 2026 23:36 durch BV LuiseNord
Wo die Trasse der U1 verläuft, stand einst eine Berliner Stadtmauer.
Die Geschichte der Luisenstadt ist auch eine Geschichte von Mauern. Zuletzt war es die Berliner Mauer, die den historischen Stadtteil für knapp 30 Jahre teilte.
Jedoch war beim Mauerbau 1961 die Luisenstadt schon seit fast einem halben Jahrhundert durch die Stadtplanung Groß-Berlins zur Hälfte Kreuzberg und zur anderen Hälfte Mitte zugeschlagen.
Über die Grenzen der Luisenstadt habe ich an dieser Stelle schon geschrieben, wer sich nicht erinnert: Der historische Stadtteil wird von der Spree, der Lindenstraße und der U1 begrenzt.

Ein eingenordeter Stadtplan zeigt die Luisenstadt als fast gleichschenkliges Dreieck, der rechte Schenkel ist die Spree, der linke die Lindenstraße und die Basis die U1.
Mit der Myrica fing es an
Die U1 ist dabei die eigenartigste Grenze – denn eine U-Bahn gab es 1261 natürlich noch nicht, als Berlins Nachbarstadt Kölln von Otto dem Frommen das Gebiet namens Myrica geschenkt bekam.
Genauso wenig im 16. Jahrhundert, als die Cöllnische oder Köpenicker Vorstadt entstand, auch Köpenicker Viertel genannt.

Auch nicht während des Dreißigjährigen Krieges, als die Vorstadt niedergebrannt wurde, oder 1701, als die Bewohner die vollen Berliner Bürgerrechte bekamen, dachte jemand an eine Untergrundbahn und erst recht nicht an eine Untergrundbahn, die auf einem Viadukt zehn Meter über der Erde verläuft.
Erst 100 Jahre, nachdem die Luisenstadt 1802 ihren Namen bekam, wurde die U2 eröffnet.
Ihr Reiz für Geschichtsfreaks wie mich besteht darin, dass sie im Berlin der Gegenwart die uralte Grenze markiert, die seit dem 11. Jahrhundert das Stadtgebiet vom Umland trennte. Ungefähr 130 Jahre lang war diese Stadtgrenze tatsächlich mit einer Stadtmauer versehen.
Die drei Mauern
Denn vor der heute berühmtesten Berliner Mauer, nämlich DER Berliner Mauer, gab es andere wichtige Berliner Mauern. Genau genommen waren es drei: die mittelalterliche Stadtmauer, der Festungswall und die Akzisemauer.
Ein Stück der mittelalterlichen Stadtmauer kann man noch neben der Klosterruine sehen, vom Festungswall gar nichts, von der Akzisemauer einige kleine Teile.
Die erste Mauer als Grenze der Luisenstadt war die Stadtmauer von Cölln, der heutigen Fischerinsel.
Die zweite war der Wall der Berliner Festung: Die Wallstraße zeugt nur noch als Name davon, denn der Wall selber ist komplett abgetragen. Allerdings hieß im Mittelalter und in der Zeit des Festungswalls die Luisenstadt noch nicht so, sondern Cöllnische oder Cöpenicker Vorstadt.
Die dritte wichtige Berliner Stadtmauer war genau jene, über der heute die U1 fährt. Zuerst war sie keine Mauer, sondern eine Holzwand.
Zollmauer statt Verteidigungsmauer
Die Stadt verdankte sie dem Soldatenkönig, sie wurde von 1734 bis 1737 erbaut. Ihr Zweck war es, Zoll auf Waren einzunehmen, die nach Berlin kamen, und Desertionen aus der Stadt zu verhindern. In Friedrichshain erinnert die Palisadenstraße an ihren Verlauf.
Erst von 1786 bis 1802 wurden die Palisaden durch eine steinerne Mauer ersetzt und auf etwa vier Meter erhöht.
Eine Ironie der Geschichte ist die Tatsache, dass diese ausdrücklich nicht zur Verteidigung der Stadt gedachte Palisade oder Mauer doch mehrere Male genau dafür dienen musste.
Es ist also wenig überraschend, dass sie als Verteidigungslinie versagte: Sowohl 1757 die Österreicher als auch 1760 die Russen oder 1806 die napoleonischen Franzosen überwanden sie ohne große Probleme und plünderten, zerstörten und unterjochten Berlin.
Wenige Reste der Mauer
1867 bis 1868 wurde die Akzisemauer abgerissen. Die einzigen original erhaltenen Stücke dieser Mauer sind in der Hannoverschen Straße 9 zwischen Hessischer Straße und dem Platz vor dem Neuen Tor zu finden sowie in der Straße Prenzlauer Berg im gleichnamigen Stadtteil. Sie haben gemeinsam, dass sie unauffällig in Hauswänden oder einer Friedhofsmauer eingefasst sind.
In der Stresemannstraße 66 ist ein kleines Stück dieser Akzisemauer nachgebaut und nur dort lässt sich ein Eindruck dieses Bauwerks bekommen.
Während von der alten Außengrenze der Luisenstadt nichts mehr zu finden ist, gibt es noch einige Segmente der berühmtesten Berliner Mauer.

So bilden zwei die Torpfosten zum Sage Club in der Köpenicker Str. 20. Gleich eine ganze Gruppe hinter der Imbissbude an der Ecke Michaelkirchstraße bilden die Wände eines Mülltonnenraums – als hätte ein Konzeptkünstler einen Müllhaufen der Geschichte darstellen wollen.
Quelle: Falko Hennig in der ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025
Bild oben: Blick von der Spree durch die Berliner Mauer Richtung Köpenicker Straße (Foto: Falko Hennig)
Siehe auch mehr hier im Blog:
Die innere Grenze der Luisenstadt – noch heute erkennbar

ecke köpenicker No 5 November Dezember 2025 – Lesen/Herunterladen
Alle ecken seit der Erstausgabe hier in unserem Blog
Und es gibt weitere ecken in anderen Mitte-Sanierungsgebieten:

