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Mehr Authentizität! Zum Tourismuskonzept für den Bezirk Mitte

LETZTE ÄNDERUNG am Dienstag 19. September 2023 00:50 durch BV LuiseNord


Dieser folgende Text aus der „ecke köpenicker“ No. 3 / 2023 ist als GLOSSE gekennzeichnet. Schade, dass die schönen Ideen für einen neuen Umgang mit Touristen von Autorin Ulrike Steglich und ihrer Redaktion nicht so ganz ernst zu nehmen sind …


Der Bezirk Mitte hat jetzt ein Tourismuskonzept.

Erarbeitet hat es das beauftragte Unternehmen BTE Tourismus und Regionalberatung, und wozu es gut sein soll, steht gleich auf S. 2:

Es soll als »strategische Grundlage« für eine »gemeinsame, stadtverträgliche und nachhaltige Entwicklung des Tourismus im Bezirk unter Berücksichtigung der teilräumlichen Besonderheiten« dienen.

Um schneller auf den Punkt zu kommen, übersetzen wir die folgenden Seiten jetzt mal frei.

Kurz: In Berlin-Mitte gibt es jede Menge Touristen, die sich allerdings bevorzugt auf der Route Bernauer Straße – Rosenthaler Platz – Hackescher Markt – Alex – Brandenburger Tor stauen.

Dieser Beitrag erschien als Artikel in der aktuellen Ausgabe der Stadtteil­zeitung „ecke köpenicker. Siehe Download-Link unten
Dieser Beitrag erschien als Artikel in der aktuellen Ausgabe der Stadtteil­zeitung „ecke köpenicker. Siehe Download-Link unten

Passend dazu wurde Alt-Mitte in den letzten 15 Jahren flächendeckend mit Hotels, Hostels u.ä. zugepflastert. Nach Moabit, zum Gesundbrunnen oder an den Leopoldplatz verirren sich Touristen aber eher selten.

Wie also kann man die Massen etwas verträglicher über den Bezirk verteilen, das touristische Schwarmverhalten sozusagen behutsam steuern?

Hierfür wurden natürlich auch die internationalen Mega-Trends des Tourismus analysiert. So wird zum »Reiseverhalten von Städtetourist*innen« u.a. konstatiert:

Das Live-like-a-Local‹-Gefühl

»Gäste sind stetig auf der Suche nach neuen Erlebnissen, Begegnungen und Überraschungen.« Und: »Besucher*innen suchen nach dem ›Live-like-a-Local‹-Gefühl und der authentischen Alltagskultur«.

Gefragt sind also »Events mit Erlebnischarakter « sowie »authentische Erlebnisse (…) sowie Kontakt mit der lokalen Bevölkerung«.

Dabei unterbreitet das Konzept sogar konkrete Vorschläge für die einzelnen Ortsteile. Besonders überzeugte uns z.B. die Idee für den Leopoldplatz im Wedding mit »Stadtführungen « sowie »Sichtbarmachung des Planungsprozesses des Leopoldplatzes unter Einbezug der Trinker- und Drogenszene « (S. 85).

Man könnte sich dort also ein höchst authentisches Meet&Greet mit der Szene auf dem Leo vorstellen, das vielleicht noch durch gemeinsames Flaschen- und Spritzenaufsammeln als Abschlussevent abgerundet werden könnte (»nachhaltiger Tourismus«!).
Events mit Erlebnischarakter ließen sich selbstverständlich auch für Moabit entwickeln.

Wir lassen mal unserer Kreativität freien Lauf

Wie wäre es etwa mit einer von der Verkehrssenatorin geführten Radtour auf der Route Alt-Moabit /Gotzkowskystraße/ Beusselstraße als Survivaltourismus mit ultimativem Adrenalinkick?

Und auch die Nördliche Luisenstadt hat kulturell wesentlich mehr zu bieten als bloß den KitKat-Club: Im Heinrich-Heine-Viertel liegt die Idee eines Stadtspaziergangs für Literaturbegeisterte auf der Hand – mit abschließender Lesung im »Heinrich-Heine-Forum«. Also im dort ansässigen ALDI-Markt, was ein besonders authentisches Erlebnis garantiert.

Dabei sind solche Konzepte, die auf Authentizität, Erlebnis und Inszenierung setzen, keineswegs neu. Bereits Mitte der 90er Jahre hat in Berlin das »freie fach« – eine Gruppe von UdK-Architekturstudenten – eine Reihe von Thesen zum »Mythos Berlin« entwickelt und diese dem Praxistest unterzogen. U.a. an einer Hamburger Touristengruppe, die allerdings nicht eingeweiht war.

Im anschließend veröffentlichen Testbericht wurde die Aktion so geschildert:

»Am 10.7.1996 übernahm das „freie fach“ die Führung einer 30köpfigen Gruppe Hamburger Touristen durch das Herz der Stadt. Durch sorgfältige Vorbereitung war es uns gelungen, sie dem Reiseführer des Veranstalters Hansa-Hauptstadt-Tours abzuluchsen, ohne dass einem der Teilnehmer etwas aufgefallen wäre.«

Die Tour verlief dann folgendermaßen

»Nach einer Verkaufsveranstaltung im Weinhaus Huth, der Besichtigung von Mauerresten vor dem Charlottenburger Schloss und Haschen in der sozialisierten Gropiusstadt kam unsere Gruppe begeistert vom Pinkeln auf einer Junkie-Toilette zurück und forderte erregt mehr Authentizität.«

Diesem Wunsch kamen die vermeintlichen Stadtführer gern nach und verschaffte den Hamburgern Zugang zu einem leerstehenden, verfallenen Altbau in der Tucholskystraße.

Es dauerte nicht sehr lange, bis ein vierzigköpfiges Polizeikommando anrollte, um die vermeintliche Hausbesetzung zu beenden.

»Halb belustigt und halb beschämt«, endet der Testbericht, »bemühten wir uns nicht um Richtigstellung und beruhigten unser Gewissen mit der Annahme, dreißig Menschen von ihrer konsumierenden und stadtzerstörenden Rolle befreit und zu verwegenen und wilden Aktivisten gemacht zu haben.«

Eine Nachrichtenagentur meldete am folgenden Tag: »30 Personen wurden vorläufig festgenommen. Die Gruppe, die von einem Polizeisprecher als ›untypisch für die autonome Szene‹ eingestuft wurde, machte keine Angaben zu Person und Motiv.«


Quelle: „us“ in der „ecke köpenicker No 3 Juli August 2023“
Symbolfoto oben: Ch. Eckelt


ecke köpenicker Nr. 3 für Juli August 2023 - Hier lesen/downloaden
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