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Bild oben – das älteste existierende Lichtbild von der Brücken- Ecke Köpenicker Straße ist von F. Albert Schwartz, aufgenommen ungefähr 1890, vielleicht auch 1880 oder sogar 1870.
Die Brückenstraße ist auf der alten Aufnahme zwar nicht zu sehen, aber das Eckhaus Köpenicker Straße 77. Davor steht ein Vater mit drei Töchtern, die scheinbar den Fotografen gesichtet haben und stillhalten.
Aber der Vater hat sich in der Aufnahmezeit bewegt, in der das Licht auf die beschichtete Platte fiel. So ist er auf dem Bild transparent geworden. Nur dadurch ist die Aufschrift »Jam. Rum« hinter ihm sicht- und lesbar. Er ist zu einem Geist geworden, Spirit, durch den der Sprit scheint.
Über dem Ecklokal befindet sich das Atelier für »künstl. Zähne«: »Plombiren. Zahnziehen etc. Herm. Haasis. 1te Etage.«
Fotografiert hat F. Albert Schwartz das Bild von der ersten Etage gegenüber. Mindestens zwei Personen sind wegretuschiert.

Wie belebt die Straße in der Zeit der Aufnahme war, ist nicht leicht zu beantworten, denn wer sich durch den Sommertag bewegte, verschwand durch die lange Belichtungszeit von ungefähr fünf Sekunden oder wurde zu einem verwischten Schatten und vom Fotografen ausgelöscht.
Ein Kutscher ist gut zu erkennen, weil er bewegungslos in einem Buch liest. Auch ein Schuster schaut lange genug zum Fotografen, um sichtbar zu werden.
Im Hochparterre des Eckladens ist eine Destillation und EssigFabrik untergebracht, die »Fabrik feiner Liquere« bietet neben den verschiedensten Schnäpsen auch Grog, Punsch, »Glühwein-Extract« und norddeutschen Korn an.
Ungefähr 150 Jahre später, jedenfalls Ende 2025, schaue ich mich am selben Ort um und der Grund, auf dem dieses Haus stand, ist noch eine Brache, aber nicht mehr lange.
Im Nachbarhaus in der Brückenstraße ist ein Liquor Shop für »Tobaccos – Food – Drink – Candys & More«. Ein Ort für Geister und Hochgeistiges, Spirit und Sprit. Nach dem Mauerfall kam die Brückenstraße zu großer Berühmtheit als die am stärksten von Autoabgasen verpestete Straße von Berlin.
An diesem Ort, so schreibt es Alexander Schug, überlagern sich »Routinen des Feierns und des Vergnügens, des Essens, Heilens, Handelns mit Brüchen von Verfolgung, Zerstörung und Stillstellung.
Der Spirit der Brache ist kein Rest, sondern eine verdichtete Gegenwart aus Schichten: Bühne und Narbe, Alltag und Ausnahme, Fluss der Wege und Widerstand der Wände.«
Diese Kreuzung sei ein historischer Kreuzungs und Bühnenraum, dessen »Spirit« aus der Gleichzeitigkeit von Zirkulation und Kontrolle, Vergnügen und Versorgung, Narbe und Neuerzählung entstehe.
Palimpseste sind alte beschriebene Pergamente, die wegen ihres hohen Wertes abgewaschen und neu beschriftet wurden. Manchmal wurden sie auch abgekratzt oder abgeschabt.
»Graffiti« bedeutet ursprünglich, etwas in Mauern hinein zu kratzen. In diesem Sinne sind die Fassaden der Berliner Häuser und auch ihre Brandwände tatsächlich Seiten, die immer wieder neu beschriftet werden.

Auf der Brandmauer hinter der Brache der Brückenstraße befindet sich das Wandgemälde »Unter der Hand« des Street-Art-Künstlers Case Maclaim von 2014. Es zeigt zwei Hände, eine helle und eine dunkle, die sich teils überlagern und teils verdecken, die helle Hand macht das triumphierende Victory-Zeichen.
Die Zeit dieses Wandbildes in Berlin an der Köpenicker Straße ist abgelaufen, denn bald wird die Brache bebaut werden und zwangsläufig wird das Gemälde hinter dem Neubau verschwinden.
Womöglich bleibt das Mural erhalten, aber ohne Aussicht, je wieder von einem Menschen angesehen zu werden. Ich bin nicht so streng mit diesem Werk wie mein geschätzter Kollege.
Das Wesen der Street Art ist das Verschwinden. Wände Berlins werden seit vielen Jahrhunderten neu bemalt, bebaut, neu beschriftet.
Die Hände von Case Maclaim werden sich zu den Geistern der Brückenstraße gesellen, nicht mehr sichtbar, aber weiterhin da, wenn nicht an der Wand, dann zwischen unseren Ohren genau hinter den Augen, die diese Zeilen lesen.
Diese Geister machen den Geist des Ortes aus, den Spirit – und ziemlich lange wird es hier auch noch genug Sprit geben.
Quelle: Falko Hennig in der ecke köpenicker 6 Dezember 2025 Januar 2026

Bild: Die Brückenstraße ca 1880 – fotografiert von F. Albert Schwartz – „Der Vater hat sich in der Aufnahmezeit bewegt und ist so transparent geworden“

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