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Luisenstadt: Kieze ohne Parkplätze – Modellversuch in Kreuzberg geplant

Der folgende Beitrag erschien als Artikel in der Stadtteilzeitung „ecke köpenicker No. 3 Juni Juli 2022“


Im Kreuzberger Graefe-Kiez – in der Luisenstadt Süd – will die dortige Bezirksverordnetenversammlung einen Modellversuch für ein Quartier ohne Parkplätze starten. Im Bezirk Mitte gibt es Gebiete, die dazu besser geeignet wären.

Der Transformationsprozess der Innenstädte hat in den Köpfen schon eingesetzt. So sehen es die Wissenschaftler und -innen des WZB (Wissenschaftszentrum Berlin), die im vergangenen Jahr eine Studie in Friedrichshain-Kreuzberg durchführten.

In enger Abstimmung mit dem Straßen- und Grünflächenamt und in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut infas hat eine Gruppe um den Soziologen Prof. Andreas Knie (TU Berlin) mehr als 1000 Bewohnerinnen und Bewohner des Bezirks repräsentativ befragt.

Drei Szenarien

Ihnen wurden drei Szenarien von möglichen Interventionen vorgestellt, anschließend wurden sie um Bewertungen gebeten:

Im ersten Szenario sollte jeder zehnte Parkplatz entfallen und umgewidmet werden, im dritten der Autoverkehr fast völlig aus den Gebieten verbannt werden und nur noch im Ausnahmefall möglich sein.

Im mittleren Szenario dagegen durften Autos zwar noch ins Gebiet einfahren, jedoch wurden dort alle öffentlichen Parkplätze mit Ausnahme der Behindertenparkplätze entfernt und nur noch kurzzeitiges Halten zum Be- und Entladen ermöglicht.

Gleichzeitig sollte in privaten Parkhäusern für 30 Euro im Monat Parkplätze angemietet werden können.

Autofahrer vs. Radfahrer?

Wie die Forscherinnen und Forscher bereits vermutet hatten, hatte es einen großen Einfluss auf die Bewertungen, ob im Haushalt Autos vorhanden waren oder nicht. Etwa 55 % der Befragten hatten kein KfZ, das entspricht in etwa auch den Verhältnissen im Bezirk Mitte.

Von den Befragten ohne Auto empfand eine überwältigende Mehrheit von 84 % das Szenario ohne Parkplätze positiv.

Die mit KfZ im Haushalt waren dagegen mehrheitlich gegen diesen Vorschlag – aber nur knapp mit 52 %. Immerhin 48 % der Autobesitzer fanden ihn dagegen eher positiv.

Insgesamt sprachen sich etwa zwei Drittel der Befragten für das Szenario ohne öffentliche Parkplätze aus.

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Dominanz des Autos in den Einstellungen der Menschen tatsächlich langsam zu relativeren beginnt“, schließen die Wissenschaftler und -innen aus diesen Resultaten.

„Eine ›Mobilitätswende‹ im Sinne einer weitgehend auf alternative Verkehrsträger ausgerichteten Verkehrsentwicklung ist hier keine radikale Nischenposition, sondern repräsentiert die Mehrheit der im Bezirk wohnenden Bevölkerung.“

In der Bezirksverordnetenversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg brachten Grüne und SPD Ende April einen Antrag für einen wissenschaftlich begleiteten Modellversuch im Graefe-Kiez ein.

Im Gebiet zwischen Kottbusser Damm und Urban-Krankenhaus sollen für ein halbes bis ein ganzes Jahr wie im Szenario alle Parkplätze entfallen. Anwohner und -innen sollen ihre Autos unterdessen für 30 Euro im Monat u. a. im Parkhaus am Hermannplatz unterstellen können.

Allerdings sind die Parkhaus-Kapazitäten im Graefe-Kiez knapp. Denn dort wohnen rund 19.000 Menschen in knapp 10.000 Haushalten, die zusammen über etwa 4.000-5.000 PKWs verfügen.

Auf öffentlichem Straßenland parken davon mehr als 2000. In Parkhäusern können aber nur knapp 1000 untergebracht werden.

Zudem soll das Parkhaus am Hermannplatz im Zusammenhang mit der Neugestaltung des dortigen Karstadt-Kaufhauses zu einem Gewerbehaus umgebaut werden.

Das Modellprojekt könnte also wohl nicht über den Versuchszeitraum hinweg verlängert werden.

Im Bezirk Mitte gibt es
Quartiere mit besseren Bedingungen

Etwa im Brunnenviertel, das baulich nach der Kahlschlagsanierung der 1970er von Sozialwohnungsanlagen aus den 1980er Jahren dominiert ist. Die wurden damals sehr großzügig mit Tiefgaragen ausgestattet, was zu den späteren finanziellen Problemen des Landes Berlin nicht unwesentlich beitrug.

Ein guter Teil des teuer subventionierten Parkraums liegt heute brach. In anderen Teilen des ehemaligen Bezirks Wedding gibt es komplett leerstehende Parkhäuser.

Im Sanierungsgebiet Müllerstraße sogar gleich zwei: Das ehemalige Parkhaus der Hochschule für Technik in der Triftstraße mit ca. 500 Plätzen und das Parkhaus des ehemaligen Schillerpark-Centers in der Ungarnstraße mit sogar rund 1000 Stellplätzen.

Text: „cs“ in der Stadtteilzeitung „ecke köpenicker No. 3 Juni Juli 2022“
Symbolfoto aus der „ecke“: Ch. Eckelt

Siehe auch

Die breite Resonanz des Themas dokumentiert hier am besten die Internet-Suchmaschine

Diskussion: Der Graefe-Kiez hat ein eigenes Internet-Forum

Plattform: Entwicklungsstadt.de/autofreier-bezirk-friedrichshain-kreuzberg-plant-verkehrsrevolution


ecke köpenicker 3 Juni Juli 2022 - hier lesen/downloaden
ecke köpenicker 3 Juni Juli 2022 – hier lesen/downloaden

„Die Verkehrswende beginnt im Kopf“ – Interview mit Dr. Almut Neumann

Das folgende Interview erschien als Artikel in der Stadtteilzeitung „ecke köpenicker No. 3 Juni Juli 2022″


Dr. Almut Neumann
Dr. Almut Neumann im Interview – Foto: Ch. Eckelt
Dr. Almut Neumann ist in Mitte die bündnisgrüne Bezirksstadträtin für Ordnung, Umwelt, Natur, Straßen und Grünflächen.

Ein Gespräch über Fahrradstraßen, E-Mobilität und Rücksichtnahme

Frau Dr. Neumann, Verkehrswende ist ein großer abstrakter Begriff. Aber was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit in den kommenden Jahren in Mitte?

Mir ist bei der Verkehrswende wichtig, dass alle – und damit vor allem die schwächsten Verkehrsteilnehmer:innen – sicher in Mitte unterwegs sein können.

„Die Verkehrswende beginnt im Kopf“ – Interview mit Dr. Almut Neumann weiterlesen

„ecke köpenicker“ No 3 Juni / Juli 2022 erschienen

Wir veröffentlichen im Nachgang zu dieser Meldung noch Texte aus der Druckausgabe (bzw. dem PDF) in vollständigem Wortlaut. Links dorthin (grün) hier in diesem Beitrag.


Die nächste Ausgabe der „ecke köpenicker“ erscheint im August 2022 – die bisherigen „ecken“ finden Sie hier


ecke köpenicker 3 Juni Juli 2022 - hier lesen/downloaden
ecke köpenicker 3 Juni Juli 2022 – hier lesen/downloaden

Die Themen in dieser „ecke“

WBM-Bauvorhaben Köpenicker Straße
Baubeginn noch in diesem Jahr?

Das WBM-Neubauvorhaben Köpenicker Straße 104–114 nimmt Fahrt auf

Sperrmüllaktionstage werden fortgeführt

Bezirksbürgermeister fordert nachhaltigere Lösungen

„ecke köpenicker“ No 3 Juni / Juli 2022 erschienen weiterlesen

Zeitung fragt: „Berliner Brückenstreit: Wie viele Autos verträgt Mitte?“

Brückentage der ganz anderen Art finden bereits seit längerer Zeit als Streit um den Neubau der Mühlendamm- und Getraudenbrücke statt.

Während der Senat die Mühlendammbrücke in den alten Dimensionen wieder neu aufbauen will, halten Bürger und Initiativen die alte Planung für überholt, vor allem vor einem historischen Hintergrund als auch im Hinblick auf die große Verkehrswende.

„Wie viele Autos verträgt Mitte?“

Peter Neumann hat für die Berliner Zeitung den Stand der Diskussion, des Streits hier einem längeren Artikel am 5. Mai 2022 versucht zu schildern.

Bitte lesen Sie die ganze Geschichte, die gespickt ist mit alternativen Idee, hier im Online-Portal der Berliner Zeitung:

Zeitung fragt: „Berliner Brückenstreit: Wie viele Autos verträgt Mitte?“ weiterlesen

Kiezblocks: „Jeder Ort und jedes Haus sind weiterhin per Kfz erreichbar“

Beate Leopold vom Bürgerverein Luisenstadt führte ein ausführliches Gespräch zum Thema Kiezblocks mit Stefan Lehmkühler von Changing Cities e. V. und Christian Unger von der Kiezblockinitiative Nördliche Luisenstadt.

Eigentlich ist es ja ganz einfach – und die Idee spätestens seit der Erfindung der Fußgängerzonen auch keine neue: Grundsätzlich geht es immer darum, den Kfz-Durchgangsverkehr aus einem Wohngebiet herauszuhalten und so die Lebensqualität der dort Wohnenden zu verbessern.

Changing Cities e. V. ist als Initiator das netzwerkende und fördernde Rückgrat der seit zwei Jahren in Berlin entstandenen Kiezblock-Initiativen – in der Luisenstadt Nord und Süd werden zwei jeweils unterschiedliche Konzepte entwickelt.

Für die ferne Zukunft hat sich Changing Cities 15 Kiezblöcke je Bezirk überlegt, 180 insgesamt. Auf der Website wird hochgezählt – mehr als 50 Initiativen sind es immerhin bereits.

In Berlin Mitte und in Friedrichshain-Kreuzberg unterstützen die BVVen die Ideen.

Bitte lesen Sie das ganze, sehr ausführliche (daher langer Text) Gespräch über „Pollerbü“-Ideen (tagesspiegel) auf der Website des Bürgervereins:

www.Buergerverein-Luisenstadt.de/../jeder-ort-und-jedes-haus-sind-weiterhin-per-kfzerreichbar


Grafik oben: Flyer der Kiezblock Initiative Nördliche Luisenstadt

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Neue Initiative „Tempo 30 in ganz XHain“

Im aktuellen Newsletter „LEUTE Friedrichshain Kreuzberg“ stellt Nele Jensch eine neue Initiative für Tempo 30 vor.

Die Aktivisten mehrerer Kiezblocks, darunter auch der Kiezblock Kreuzberger Luisenstadt, machen sich Gedanken über eine bewohnerfreundliche Verkehrsberuhigung im gesamten Doppelbezirk. Die eigentlich schon Anfang 2020  von der BVV beschlossen wurde …

Neue Initiative „Tempo 30 in ganz XHain“ weiterlesen

Wenn es ein Wunschkonzert für eine neue alte Brücke gibt

Die Mühlendammbrücke über die Spree soll erneuert werden. Muss erneuert werden.

Die obligatorische Bürgermitbeteiligung läuft gerade. Was sich Bürger:innen bei der Gestaltung der neuen Mühlendammbrücke wünschen, das berichtete kürzlich der Checkpoint des Tagesspiegel.

Wir zitieren mal im Wortlaut:

„Der Streit um den Neubau der Mühlendammbrücke wird derzeit auf einer digitalen Plattform weitergeführt.

Auf „mein.berlin.de“ können Bürger:innen seit dem 5. März 2021 Vorschläge zur Planung abgeben – und damit Einfluss auf die weitere Gestaltung der Brücke nehmen, verspricht die Senatsverwaltung für Verkehr.

Einig sind sich die Beteiligten noch lange nicht. Am Dienstag fand dazu eine digitale Diskussion mit Workshops statt.

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